Nebenwirkungen a-t 10/2026; 57: 80

VITAMIN-D-VERGIFTUNG BEI SÄUGLINGEN
... unterschätzte Gefahr von Nahrungsergänzungsmitteln

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt vor potenziell lebensbedrohlicher Vitamin-D-Vergiftung bei Säuglingen. Das Institut erhielt im Juli den Bericht über einen Säugling, dem ein über das Internet bezogenes Nahrungsergänzungsmittel mit hochdosiertem Vitamin D verabreicht worden war. Er erlitt eine schwere Vitamin-D-Vergiftung.1 Bereits 2022 hatte die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) über ein sieben Monate altes Kind berichtet, das wegen Gewichtsverlust, Exsikkose, Vigilanzminderung, ausgeprägter Elektrolytstörung und Nephrokalzinose intensivmedizinisch behandelt werden musste. Nachdem der Säugling ursprünglich die ärztlich verordnete Vitamin-D-Prophylaxe von täglich 500 I.E. erhalten hatte, stellten die Eltern ihn auf Anraten von Freunden auf ein hochdosiertes Nahrungsergänzungsmittel um, das über das Internet bezogen wurde und mit dem sie ihm fünf Monate lang täglich 40.000 I.E. zuführten.2

Zur Prophylaxe einer Rachitis werden in Deutschland in den ersten ein- bis eineinhalb Lebensjahren bzw. bis zum zweiten erlebten Frühsommer des Kindes täglich 400-500 I.E. Vitamin D3 empfohlen.1,2 Für diese Indikation und Dosierung stehen zugelassene Arzneimittel als Tabletten oder Tropfen zur Verfügung (VIGANTOL 500 I.E. u.a.).3 Für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungssupplementen fehlt dagegen bis heute eine EU-weite Höchstmengenfestsetzung und ebenso eine entsprechende nationale Regelung.4 Hochkonzentrierte Vitamin-D-haltige Nahrungsergänzungen sind somit weiterhin frei erhältlich. Laut BfR wurden in Deutschland in den letzten Jahren mehrere Vergiftungen bei Kindern und Erwachsenen berichtet, die mit ausgeprägter Hyperkalziämie einhergingen (vgl. a-t 2020; 51: 55-6). Bei Säuglingen wurden Trinkschwäche, Erbrechen, Schläfrigkeit, Muskelschwäche, Gewichtsverlust, Gedeihstörung, Verstopfung, vermehrte Urinausscheidung und Dehydratation sowie Elektrolytentgleisung mit erniedrigtem Natrium und erhöhtem Kalzium und Kalium beschrieben. Bei länger bestehender Hyperkalziämie kann es zu Nierenverkalkung bis hin zu irreversibler Niereninsuffizienz kommen.1

Zur Rachitisprophylaxe bei Säuglingen und Kleinkindern sollten unseres Erachtens nur für die Indikation zugelassene Arzneimittel verwendet werden. Nahrungsergänzungen, auch solche, die für Kinder jeden Alters beworben werden,5 unterliegen keiner behördlichen (Qualitäts-) Prüfung. Auf die deklarierten Wirkstoffmengen ist daher kein Verlass (a-t 2026; 57: 14). Vergiftungen mit Vitamin-D-haltigen Nahrungsergänzungsmitteln, die vielfach höher konzentriert waren als angegeben, sind beschrieben.6 Flüssige Präparate bergen zudem eher die Gefahr einer versehentlichen Überdosierung, zum Beispiel durch Verwechslung von Tropfen mit Millilitern als Dosismaß.7 BfR und AkdÄ raten dazu, hochkonzentrierte flüssige Zubereitungen zu meiden.1,2 Wichtig erscheint uns eine gute Instruktion der Eltern in Arztpraxis und Apotheke. Dies gilt auch für die Tabletten, die vor Anwendung bei Säuglingen und Kleinkindern wegen der Aspirationsgefahr in einer kleinen Menge Flüssigkeit vollständig aufgelöst werden müssen (a-t 2026; 57: 29-30), –Red.

1BfR: Vitamin-D-Vergiftung bei Säuglingen. Überdosierung von Vitamin D kann potenziell lebensbedrohlich sein, 7. Aug. 2026; https://a-turl.de/x8u4
2AkdÄ: Dt. Ärztebl. 2022; 119: A1486-7
3DICHEVA-RADEV, S. et al.: Arzneiverordnung in der Praxis 2025; 52: 16-22
4Verbraucherzentrale: Mikronährstoffe – ab wann ist es zu viel?, Stand 19. Aug. 2026; https://a-turl.de/x7zh
5Biogena: JUNIOR Vitamin D3; https://a-turl.de/czww
6KAPTEIN, S. et al.: Clin. Toxicol. 2010; 48: 460-2
7CANTRELL, L., HOGEN, E.: Am. J. Health Syst. Pharm. 2015; 72: 1262-3

© 2026 arznei-telegramm, publiziert am 16. Oktober 2026

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